Wo bleibt also der Streit? Der Gipfel brachte kaum oder gar keine strategische Vision hervor, wie die beiden Partner gemeinsam Probleme wie Migration und Afrikas Unterentwicklung angehen wollen. Wahrscheinlich erhielt er deshalb auch kaum Presseberichterstattung.
Die mangelnde Medienaufmerksamkeit mindert nicht die Bedeutung von Planungen zur Bewältigung der Bevölkerungsexplosion in Afrika. In den nächsten 25 Jahren wird sich die Zahl der Afrikaner auf rund zweieinhalb Milliarden Menschen verdoppeln – weit mehr, als Afrikas rückständige Bauernhöfe ernähren oder seine krisengeschüttelten Unternehmen beschäftigen können.
Die europäischen Regierungen wiegen sich offenbar in Sicherheit, weil die Zahl der Migranten zurückgeht. Das UN-Institut für Migration (IOM) in Genf berichtete kürzlich, dass die Zahl der Menschen, die 2017 mit Booten über das Mittelmeer nach Europa kamen, mit rund 170,000 nur halb so hoch war wie im Jahr zuvor. Beide Zahlen sind im Vergleich zu 2015, als weit über eine Million Flüchtlinge aus Syrien und anderen Konfliktgebieten flohen, ein Rinnsal.
Das Thema Migration wurde in Abidjan diskutiert, obwohl unklar ist, ob eine Einigung erzielt wurde. Der Präsident der 54 AU-Staaten, der guineische Regierungschef Alpha Condé, sprach von Meinungsverschiedenheiten in der Migrationsfrage und fügte hinzu: „Es ist offensichtlich, dass wir Afrikaner nicht akzeptieren können, dass die Europäer uns sagen, wir sollen unsere Kinder zurücknehmen.“
Niemand kann sagen, wie viele Afrikaner in den kommenden Jahren versuchen werden, die gefährliche Reise nach Europa anzutreten. Die demografischen Daten deuten darauf hin, dass es Millionen sein werden, vielleicht sogar mehrere zehn Millionen. Ein Bericht an das Weltwirtschaftsforum, Organisator der jährlichen Veranstaltung in Davos, warnt davor, dass es bis 2050 800 Millionen neue Menschen im erwerbsfähigen Alter in Afrika südlich der Sahara geben wird.
Derzeit hat nur jeder sechste junge Afrikaner einen regulären, bezahlten Job. Obwohl viel vom „Aufstieg Afrikas“ gesprochen wird, dank der BIP-Wachstumsraten einiger Länder von 8 Prozent, wird dies nicht ausreichen. Die gemeinsamen Nachteile in weiten Teilen Afrikas sind so groß, dass in den meisten Ländern ein jährliches Wachstum von mindestens 7 Prozent nötig wäre, um überhaupt auf der Stelle zu treten.
Für die EU war der Plan der Kommission, 44 Milliarden Euro an neuen Investitionen in afrikanische Unternehmensgründungen zu lenken, das Herzstück des Gipfels in Abidjan. Manche bezeichnen ihn als „Marshallplan für Afrika“. Ziel ist es, 3.3 Milliarden Euro an EU-Startkapital in fünfzehnmal mehr private Finanzierungen umzumünzen. Diese Idee ist zwar bewundernswert, reicht aber angesichts der Probleme Afrikas völlig nicht aus. Die Finanzierungslücke zwischen Afrikas Bedarf und dem, was es erhält, wird auf 2.3 Billionen Euro jährlich geschätzt.
Die Plattitüden beider Seiten in Abidjan stehen in unangenehmem Kontrast zur düsteren Realität. Die Hälfte der Afrikaner südlich der Sahara – 600 Millionen Menschen – hat keinen oder nur unzureichenden Zugang zu Elektrizität. Ein Drittel der Kinder in der Region wird nie zur Schule gehen. Klimawandel und Dürre treffen zunehmend die 90 Prozent der afrikanischen Bauern, die ohne Bewässerung auf Regen angewiesen sind.
AU-Präsident Condé sprach davon, „China als Fabrik der Welt abzulösen“. Tatsächlich ist die Produktion in Afrika seit ihrem Höhepunkt im Jahr 2007 jedoch geschrumpft. Um Afrikas schwindende wirtschaftliche und soziale Lage zu stabilisieren und vielleicht sogar umzukehren, bedarf es enormer Anstrengungen.
Gleichzeitig wird Europas zunehmend alternde Erwerbsbevölkerung mehr afrikanische Arbeitskräfte benötigen, um die rasant steigenden Rentenkosten zu decken. Die Voraussetzungen für eine für beide Seiten vorteilhafte Großstrategie sind gegeben. Wo bleibt also die einfallsreiche Führung der EU mit dem politischen Mut, Europäern und Afrikanern zu vermitteln, dass sie nicht ohne einander auskommen können? Ehrgeizige und weitsichtige Initiativen von atemberaubender Dimension sind schließlich das, was die Europäische Union ausmacht.

