Russland
Westliche Investoren richten ihren Blick angesichts der anhaltenden Sanktionsabschläge wieder verstärkt auf russische Vermögenswerte.
Globale Investoren richten ihren Blick zunehmend über die USA hinaus auf die Suche nach unterbewerteten Wachstumschancen. Europa, Schwellenländer und regionale Märkte mit niedrigeren Bewertungskennzahlen rücken wieder in den Fokus. Vor diesem Hintergrund könnten russische Vermögenswerte, die aufgrund der Sanktionen weiterhin stark unterbewertet sind, bei einer Verbesserung der geopolitischen Lage erneut das Interesse internationalen Kapitals wecken.
Mehrere internationale Investmentfonds arbeiten bereits an Szenarien für eine rasche Rückkehr zu russischen Vermögenswerten, falls die Sanktionen aufgehoben oder deutlich gelockert werden. Bislang handelt es sich dabei noch nicht um fertige Investitionsentscheidungen. Der russische Markt bleibt für einen Großteil westlichen Kapitals verschlossen. Doch gerade die Tatsache, dass solche Diskussionen stattfinden, zeigt, dass russische Vermögenswerte bei einer Entspannung der geopolitischen Spannungen wieder in den Fokus globaler Investoren rücken könnten.
Dieses Interesse fügt sich in einen breiteren Markttrend ein. Nach Jahren der Kapitalkonzentration in US-Anlagen bewerten Investoren nun Märkte mit niedrigeren Multiplikatoren, hohen Margen und Aufholwachstumspotenzial neu. Russland zählt nach wie vor zu den weltweit am stärksten unterbewerteten Märkten, vor allem aufgrund von Sanktionen und Beschränkungen für ausländische Beteiligungen.
Verändert sich jedoch das externe Umfeld, dürfte die Neubewertung nicht einheitlich ausfallen. Die entscheidende Frage für Anleger wird nicht sein, ob der russische Markt insgesamt steigen kann – obwohl dies bei einer Lockerung der Beschränkungen durchaus zu erwarten ist –, sondern welche Unternehmen als erste von einem sich verringernden sanktionsbedingten Abschlag profitieren könnten.
Rohstoffexporteure würden naturgemäß zu den ersten gehören, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch große Konsumgüterunternehmen und Einzelhändler dürften aufgrund ihrer starken Geschäftsentwicklung im Fokus bleiben.
In vielen dieser Fälle ist ein Teil des Aufwärtspotenzials jedoch bereits in den Markterwartungen eingepreist. Zudem sind einige inländische Konsumgüterunternehmen weniger direkt von Sanktionen betroffen, was den Spielraum für eine drastische Neubewertung einschränkt.
Die interessanteren Chancen liegen möglicherweise woanders: in Sektoren, in denen der Sanktionsabschlag mit einer starken Geschäftsdynamik einhergeht und internationale Vergleichbarkeit wichtig ist. Dies gilt insbesondere für Fintech, Plattform-IT und Cybersicherheit.
Diese Branchen sind eng mit globalen Bewertungsmaßstäben, dem Zugang von Investoren und der grenzüberschreitenden Technologieinfrastruktur verknüpft. Sollte der Sanktionsdruck nachlassen, könnte die Verbesserung der Marktstimmung durch das bereits erkennbare Geschäftswachstum noch verstärkt werden.
Fintech
Der russische Fintech-Sektor zählt weiterhin zu den Bereichen, in denen die Bewertungen deutlich von denen internationaler Wettbewerber abweichen. Vergleichbare Unternehmen in anderen Schwellenländern werden oft mit deutlich höheren Multiplikatoren gehandelt.
Um den russischen Fintech-Markt zu bewerten, kann man Märkte mit ähnlichen Kennzahlen betrachten. So werden beispielsweise lateinamerikanische Fintechs wie das brasilianische Unternehmen Nu Holdings (dessen Gründer sich offen vom russischen Modell inspirieren ließ) mit einem Vielfachen der Bewertungen vergleichbarer russischer Aktiengesellschaften gehandelt. Kaspi aus Kasachstan dient als regionales Analogon; in einem offenen Markt beinhaltet seine Marktkapitalisierung einen Aufschlag für die Zugänglichkeit für externe Investoren.
Der russische Digitalfinanzsektor hingegen ist deutlich unterbewertet – nicht aufgrund mangelnder Geschäftsqualität oder Wachstumsraten, sondern ausschließlich aufgrund von Sanktionsbarrieren. Werden die Beschränkungen aufgehoben, wird diese Unterbewertung abgebaut, und eine vergleichende Analyse anhand der GARP-Kriterien (Wachstum zu einem angemessenen Preis) deutet auf ein Aufwertungspotenzial hin, das mit internationalen Wettbewerbern vergleichbar ist.
In diesem Kontext erscheint die T-Bank als führendes Unternehmen unter den Fintechs. Sie ist einer der wenigen russischen Emittenten, bei denen der Sanktionsrabatt mit einer Beschleunigung des Geschäfts einhergeht. Bis zum Ende von 2025Der Umsatz der T-Technologies-Gruppe stieg im Jahresvergleich um 49 % auf fast 18 Milliarden US-Dollar, während der operative Nettogewinn um 43 % auf 2.18 Milliarden Rubel zulegte und die Eigenkapitalrendite (ROE) bei 29.1 % lag – was selbst im Vergleich zu schnell wachsenden internationalen Fintechs ein hohes Niveau darstellt.
Sollten die Beschränkungen gelockert werden, könnte die T-Bank zu den ersten russischen Finanztechnologieunternehmen gehören, die von Investoren neu bewertet werden. Das Unternehmen hat bereits bewiesen, dass es auch ohne uneingeschränkten Zugang zu internationalen Kapitalmärkten wachsen, hohe Kapitalrenditen erzielen und sein Ökosystem ausbauen kann.
Internet-Sicherheit
Ein weiterer Sektor mit dem größten Aufwärtspotenzial bleibt die Cybersicherheit.
Anders als bei traditionellen Unternehmensausgaben lassen sich Investitionen in Cybersicherheit zwar teilweise optimieren, aber nicht unbegrenzt aufschieben. Unternehmen, die Investitionen in Cybersicherheit verzögern, sind direkten betrieblichen, finanziellen und Reputationsrisiken ausgesetzt. Dies macht Cybersicherheit weltweit zu einem der widerstandsfähigsten Bereiche von Technologieausgaben.
Die größten börsennotierten Unternehmen im Bereich Cybersicherheit – Palo Alto Networks, CrowdStrike, Fortinet, Check Point und andere – werden von Investoren nicht als klassische IT-Anbieter, sondern als Infrastrukturunternehmen der digitalen Wirtschaft wahrgenommen. Die Nachfrage wird durch die Zunahme von Cyberbedrohungen, die Regulierung, die Digitalisierung und den Trend zu plattformbasierten Sicherheitslösungen gestützt.
Aus diesem Grund erzielen internationale Cybersicherheitsunternehmen in der Regel eine höhere Bewertung als viele traditionelle IT-Unternehmen mit vergleichbaren Wachstumsraten. Laut Gartner werden die weltweiten Ausgaben für Cybersicherheit im Jahr 2025 voraussichtlich 213 Milliarden US-Dollar erreichen und 2026 um weitere 12.5 % auf 240 Milliarden US-Dollar steigen. Gleichzeitig wachsen führende Unternehmen der Branche weiterhin schneller als der Markt: Der Umsatz von Palo Alto Networks stieg im Geschäftsjahr 2025 um 15 % auf 9.2 Milliarden US-Dollar, während der Umsatz von CrowdStrike im selben Zeitraum um 29 % auf 3.95 Milliarden US-Dollar zulegte.
In Russland ist Positive Technologies das führende und derzeit einzige börsennotierte Unternehmen in diesem Segment. Daher dient es als natürlicher Bezugspunkt für Investoren, die sich mit dem russischen Markt für Cybersicherheit auseinandersetzen.
Das Unternehmen kombiniert die Beteiligung an einem strukturell wachsenden Sektor mit einer Bewertung, die noch immer durch den allgemeinen Sanktionsabschlag beeinflusst ist. Laut einem kürzlich veröffentlichter BerichtDie Versandmengen erreichten Ende 2025 über 426 Millionen US-Dollar, ein Anstieg um 40 % gegenüber dem Vorjahr.
Das starke Wachstum der Liefermengen in Verbindung mit strikter Kostenkontrolle führte dazu, dass der Nettozinsertrag (Nettogewinn des Managements ohne aktivierte Aufwendungen) wieder positive Werte erreichte. Zum Jahresende lag der Nettozinsertrag bei 33.75 Millionen US-Dollar, verglichen mit einem Verlust im Vorjahr. Der Nettogewinn nach IFRS verdoppelte sich auf 91.25 Millionen US-Dollar.
Dies ist besonders beeindruckend vor dem Hintergrund der allgemeinen Dynamik des Sektors. Schätzungen zufolge von russischen ForschernDer Markt für Informationssicherheit in Russland wird im Jahr 2026 um fast 10-15 % wachsen und 5.5 Milliarden US-Dollar übersteigen. Bis 2031 könnte er sich 12 Milliarden US-Dollar nähern (eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 21 %).
Für Positive Technologies würde eine geopolitische Deeskalation daher kein völlig neues Wachstumspotenzial schaffen. Vielmehr könnte sie Investoren dazu anregen, ein bereits etabliertes Unternehmen in einem zunehmend kritischen Sektor neu zu bewerten.
Eine Verbesserung des allgemeinen geopolitischen Umfelds und die mögliche Rückkehr ausländischer Investoren auf den russischen Markt werden höchstwahrscheinlich auch andere Unternehmen der Branche, die zuvor solche Pläne angekündigt hatten, insbesondere Solar und F6, zu einem Börsengang bewegen.
Plattform-IT
Auch große Plattform-IT-Unternehmen könnten in einem konstruktiveren Marktumfeld deutliche Aufwärtspotenziale sehen.
In den vergangenen Jahren hat dieser Sektor eine rasante Marktrestrukturierung durchlaufen. Der Rückzug einiger ausländischer Anbieter, das Wachstum der Inlandsnachfrage, die Stärkung lokaler Ökosysteme und der Ausbau digitaler Dienste haben den Markt neu gestaltet. Infolgedessen sind große russische Plattformen noch stärker in die Infrastruktur von Konsumenten und Unternehmen integriert.
Der offensichtlichste Kandidat für eine Neubewertung in dieser Kategorie scheint Yandex zu sein. Es handelt sich um das größte börsennotierte IT-Plattformunternehmen auf dem russischen Markt mit diversifizierten Einnahmen, starken Positionen in verschiedenen digitalen Bereichen und einem für Investoren transparenten Geschäftsmodell.
Bis zum Ende von 2025, Der Umsatz des Konzerns stieg um 32 % auf 18 Milliarden US-Dollar, das bereinigte EBITDA um 49 % auf 3.51 Milliarden US-Dollar und der bereinigte Nettogewinn um 40 % auf 1.77 Milliarden US-Dollar. Dieses Wachstum wird nicht von einem einzelnen Geschäftsbereich getragen, sondern von mehreren Segmenten gleichzeitig, darunter City Services (plus 36 % im Jahresvergleich), Personal Services (plus 61 % im Jahresvergleich) und B2B Tech (plus 48 % im Jahresvergleich).
Gleichzeitig, nach Schätzungen Laut der Russischen Vereinigung für Elektronische Kommunikation belief sich das Volumen der Runet-Wirtschaft (russisches Internet) Ende 2025 auf 390 bis 402.5 Milliarden US-Dollar, was einem jährlichen Wachstum von 30 bis 34 % entspricht. Selbst unter Berücksichtigung der Verlangsamung in einigen Segmenten wachsen die großen digitalen Plattformen in Russland weiterhin schneller als viele traditionelle Branchen.
Für Yandex ist das wichtigste Investitionsargument die Kombination aus Größe, Diversifizierung und Vergleichbarkeit mit globalen Plattformunternehmen. Sollten ausländische Investoren wieder Zugang zu russischen Aktien erhalten, dürfte Yandex zu den ersten Unternehmen gehören, die sie erneut in Betracht ziehen.
Eine selektive Neubewertung, keine marktweite Wette
Die mögliche Rückkehr ausländischer Investoren in russische Vermögenswerte würde nicht automatisch allen Unternehmen gleichermaßen zugutekommen. Zu den ersten Nutznießern dürften Emittenten gehören, bei denen der Marktabschlag noch erheblich ist, das Geschäft aber trotz externer Beschränkungen weiter gewachsen ist.
In einem Szenario der Deeskalation würden Anleger nicht einfach pauschal in Russland investieren. Sie würden vielmehr nach Unternehmen suchen, deren Bewertungen stärker durch Sanktionsdruck als durch die Geschäftsentwicklung beeinträchtigt wurden. Solche Emittenten könnten sich als besonders attraktive Option für eine Normalisierung des externen Umfelds erweisen.
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