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Ungarn

Orbán ist weg: Doch Ungarns wahre Bewährungsprobe beginnt jetzt.

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Und damit ist es geschehen – Orbán ist weg. Nach 16 Jahren, in denen er praktisch alle Hebel der ungarischen Politik in der Hand hielt, wechselt er in die Opposition. Es ist ein bemerkenswerter Fall für einen Politiker, der Ungarn nicht nur regierte, sondern es grundlegend umgestaltete – und zwar nicht zum Guten. schreiben Dr. Helena Ivanov, Associate Fellow der Henry Jackson Society, und Mykola Kuzmin, Policy Manager der Henry Jackson Society.

Diese 16 Jahre waren von einem gravierenden Rückschritt der Demokratie geprägt. Am deutlichsten zeigte sich dies in der systematischen Zerschlagung der freien und unabhängigen Presse sowie im anhaltenden Druck auf Universitäten und andere kritische Institutionen. Die kumulativen Auswirkungen sind unübersehbar: Nach vielen Maßstäben hätte Orbáns Ungarn heute Schwierigkeiten, die Voraussetzungen für eine EU-Mitgliedschaft zu erfüllen. Seine harte Anti-Einwanderungs-Politik wurde weithin als unmenschlich kritisiert, und die Wahlkreismanipulation – ironischerweise darauf ausgelegt, seine Macht zu sichern – trug letztlich zu seiner Niederlage bei.

Gleichzeitig verschlechterte sich Ungarns Verhältnis zur EU zusehends. Orbán etablierte sich als ständiger Störfaktor für die europäische Politikgestaltung und blockierte oder verzögerte wichtige Entscheidungen immer wieder. Dies zeigte sich besonders deutlich in der Ukraine-Frage, wo er enge Beziehungen zum Kreml pflegte und die Bemühungen der EU um wirksame Unterstützung für die Ukraine behinderte.

Und dennoch, trotz all der von ihm geschaffenen strukturellen Vorteile, verlor Orbán. Nach Jahren tief verwurzelter Korruption, wirtschaftlichem Druck und eingefrorenen EU-Geldern hatte sich die Frustration in der Bevölkerung immer weiter aufgestaut. Doch ebenso wichtig war, dass diese Wahl etwas hervorbrachte, was Ungarn seit Jahren nicht mehr erlebt hatte: einen glaubwürdigen Herausforderer aus den eigenen Reihen, Péter Magyar, ein Fidesz-Veteran, der sich gegen Orbán wandte. Endlich hatten die Ungarn wieder einen Kandidaten, für den sie stimmen konnten.

Im Vorfeld der Wahl bediente sich Orbán einer altbekannten Strategie: strenge Kontrolle der Medien, unerbittliche Panikmache über Ungarns Zukunft ohne ihn und eine ungewöhnlich hohe ausländische Unterstützung. Diese kam aus dem Kreml, von Netanjahus Koalition und – bemerkenswerterweise – aus den Vereinigten Staaten. Vizepräsident JD Vance reiste in letzter Minute nach Ungarn und appellierte an die Bevölkerung, Orbán zu unterstützen. Für eine moderne europäische Wahl ist ein solches Ausmaß an ausländischer Einflussnahme beispiellos – insbesondere für einen so umstrittenen Politiker wie Orbán.

Und dennoch reichte es nicht. Die ungarischen Wähler fällten ein eindeutiges Urteil. Péter Magyars (Abbildung) Dieser Erdrutschsieg markiert das Ende einer Ära – und möglicherweise den Beginn von etwas ganz anderem.

Das Ganze hat etwas fast Poetisches. Als Kind klebte Péter Magyar ein Foto von Orbán an seine Zimmerwand – begeistert, wie viele Ungarn, von dem antikommunistischen Rebellen, der 1990 die ersten demokratischen Wahlen des Landes anführte. Sechsunddreißig Jahre später hat er Orbáns Karriere beendet. Kaum ein Bild könnte den Verlauf der ungarischen Demokratie treffender beschreiben – Versprechen, Machtergreifung und nun vielleicht die Erholung.

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Genau dieses Gefühl eines Wendepunkts hat in ganz Europa eine Welle des Optimismus ausgelöst. Zwar hielt sich Magyar während des Wahlkampfs in außenpolitischen Fragen relativ bedeckt – auch um Orbán keine Angriffsfläche zu bieten –, doch er signalisierte deutlich seine Absicht, die Beziehungen zur EU zu verbessern.

Auch innenpolitisch gibt es Grund zur Hoffnung. Viele Ungarn unterstützten ihn nicht unbedingt aus tiefer ideologischer Überzeugung, sondern weil er sich offenbar verpflichtet fühlt, zumindest die grundlegenden Bedingungen eines demokratischen Lebens wiederherzustellen. Erste Anzeichen dafür – wie die Aussetzung der staatlichen Nachrichtensendungen, bis Mindeststandards der Objektivität gewährleistet sind – deuten in diese Richtung, ebenso wie sein Fokus auf die Bekämpfung der Korruption und die Stärkung der Rechenschaftspflicht.

Es ist auch bemerkenswert, was nicht geschah. Trotz jahrelanger Aushöhlung der Demokratie erwies sich Ungarn als widerstandsfähiger als erwartet. Es gab ernsthafte Bedenken, ob Orbán seine Niederlage akzeptieren würde und wie die Folgen aussehen könnten. Stattdessen verlief der Übergang, zumindest bisher, friedlich.

All dies rechtfertigt einen gewissen Optimismus. Nicht nur, weil Ungarn einen anderen Weg in der Innen- und Außenpolitik einschlagen könnte, sondern auch, weil 16 Jahre für jeden Staatschef in einer funktionierenden Demokratie schlichtweg zu lang sind. Allein die Tatsache, dass ein Wandel trotz der stark ungleichen Wahlbedingungen möglich war, ist von Bedeutung. Orbáns Niederlage wird europaweit als Präzedenzfall betrachtet werden: Können festgefahrene illiberale Systeme noch durch Wahlen herausgefordert werden? Gleich nebenan in Serbien wird das Ergebnis in Ungarn bereits aufmerksam verfolgt. Die Studentenbewegung – die derzeit einen Massenaufstand gegen Präsident Vučić, einen von Orbáns engsten Verbündeten, anführt – sieht darin einen möglichen Präzedenzfall, ein Zeichen dafür, dass ein ähnlicher politischer Wandel auch dort nicht ausgeschlossen ist.

Doch Optimismus sollte nicht in Naivität umschlagen. Es gibt triftige Gründe für Vorsicht – insbesondere aus EU-Sicht. Magyar ist schließlich ein Fidesz-Veteran, was berechtigte Fragen aufwirft, wie anders seine Führung in der Praxis aussehen wird. Sein Wahlkampf konzentrierte sich überwiegend auf innenpolitische Themen, was erhebliche Unsicherheit darüber hinterlässt, inwieweit sich innenpolitische Veränderungen auch auf die Außenpolitik auswirken werden.

Und wo er sich geäußert hat, ist das Bild uneinheitlich. Magyar hat deutlich gemacht, dass Ungarn weiterhin russische Energie beziehen und dem Zugang zu billigem Öl Priorität einräumen wird – Positionen, die sich schwer mit seiner insgesamt pro-europäischen Rhetorik vereinbaren lassen. Churchills Warnung drängt sich auf: Wer die Wahl zwischen Krieg und Schande hat, wählt meist die Schande. Ungarn kann nicht ewig russische Energie kaufen und erwarten, dass die geopolitischen Folgen ausbleiben. Deutschland hat diese Lektion im Zuge von Nord Stream ein Jahrzehnt lang gelernt und zahlt noch immer dafür.

Dass Magyar als proeuropäischer Reformer Wahlkampf führt und gleichzeitig genau jene wirtschaftliche Abhängigkeit beibehält, die Orbán für den Kreml nützlich gemacht hat, ist bestenfalls ein Widerspruch; schlimmstenfalls aber derselbe Haken in einem neuen Mund.

Ebenso wenig wird Ungarn selbst einen Beitrag leisten, auch wenn er angedeutet hat, dass er die finanzielle Unterstützung der EU für die Ukraine nicht blockieren wird.

In der Migrationspolitik hat er eher auf Kontinuität als auf Wandel gesetzt, indem er sich gegen den Migrationspakt der EU ausgesprochen und den unter Orbán errichteten Grenzzaun beibehalten hat.

Alles in allem gibt es gute Gründe, diesen Moment zu begrüßen. Ein fest etablierter Machthaber wurde abgewählt, und Ungarn erhält die Chance auf einen Neuanfang. Doch Orbáns System wird nicht über Nacht verschwinden, nur weil Orbán selbst weg ist. Es handelt sich schlicht um eine Frage der Strukturen. Sechzehn Jahre Fidesz-Herrschaft bedeuten sechzehn Jahre loyalitätsbasierte Ernennungen – in der Justiz, der Staatsanwaltschaft, den Zentralbanken, dem Medienrat, den Staatsbetrieben und dem öffentlichen Dienst. Ungarns Institutionen waren nicht nur auf Orbán ausgerichtet, sie waren auch auf ihn ausgerichtet.

Selbst mit einer Zweidrittelmehrheit ist die Auflösung dieses Apparats ein jahrelanges Projekt, und jeder Schritt wird von der Fidesz-Opposition, die weiterhin ihr Medienökosystem kontrolliert, als politische Verfolgung dargestellt werden. Orbán ist weg. Der Orbánismus jedoch nicht. Und das ist die eigentliche Bewährungsprobe, die vor uns liegt.

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Gastbeitrag - Meinung

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