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Wohnraum in Mitteleuropa wird unerschwinglich: Die V4-Staaten stehen vor einer Strukturkrise
Die Wohnkosten in den Visegrád-Staaten (V4) haben sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Laut einer neuen internationalen Analyse handelt es sich dabei um ein tief verwurzeltes strukturelles Problem mit gemeinsamen Ursachen und Erscheinungsformen in der gesamten Region.
Prag/Bratislava/Budapest/Warschau – Die Hauptstädte Tschechiens, der Slowakei, Ungarns und Polens zählen mittlerweile zu den teuersten Wohnungsmärkten Europas. Sie weisen einen geringen Anteil an Sozialwohnungen bei gleichzeitig hohen Immobilienpreisen und Mieten auf, was zu einem eklatanten Missverhältnis zwischen Haushaltseinkommen und Wohnkosten führt. Infolgedessen wird der Traum vom Eigenheim und ein sicheres Mietverhältnis für einen stetig wachsenden Teil der Bevölkerung unerreichbar.
Die Autoren der Analyse weisen darauf hin, dass die Krise tiefere historische und systemische Wurzeln hat. Nach 1990 erlebten alle Länder der Region eine umfassende Privatisierung ihres Wohnungsbestands und einen schrittweisen Rückzug des Staates und der Kommunen aus dem Wohnungssektor. Gleichzeitig etablierte sich ein Modell, das fast ausschließlich auf Wohneigentum und Marktmechanismen beruhte. In Verbindung mit der Globalisierung und der wachsenden Bedeutung von Immobilieninvestitionen hat sich Wohnraum zunehmend von einer öffentlichen Infrastruktur zu einem Anlagegut gewandelt.
Diese Entwicklung hat heute konkrete gesellschaftliche Folgen. Das Problem betrifft nicht mehr nur einkommensschwache Gruppen, sondern zunehmend auch die Mittelschicht, junge Haushalte und Familien mit Kindern. In Polen beispielsweise gerät ein erheblicher Anteil der Haushalte in die sogenannte Mietlücke: Sie haben keinen Anspruch auf Sozialwohnungen, können sich aber weder die ortsübliche Miete noch eine Hypothek leisten. Ähnliche Spannungen zwischen Einkommen und Wohnkosten sind in der gesamten Region zu beobachten.
Obwohl Wohnraum in allen vier Bundesstaaten als politische Priorität erklärt wurde, bleiben konkrete Maßnahmen begrenzt. Die Politik ist stark von Wahlzyklen abhängig; Programme werden häufig geändert oder ausgesetzt, und langfristige Strategien werden selten systematisch umgesetzt. Zwar existieren Instrumente der öffentlichen Politik, doch ihre Wirkung ist im Vergleich zur Dominanz des privaten Marktes gering.
Die von Nichtregierungsorganisationen durchgeführte Analyse zeigt zudem, dass das Problem nicht allein in einem Mangel an Neubauten liegt. In den V4-Staaten richten sich neue Wohnbauprojekte häufig an einkommensstärkere Bevölkerungsgruppen oder Investoren und verbessern daher die Bezahlbarkeit von Wohnraum allein nicht. Ohne begleitende Maßnahmen – wie umfassende Strategien, zweckgebundene Finanzierungsmechanismen und ein echtes politisches Engagement für den Ausbau des nicht-marktorientierten und kommunalen Wohnungsbaus oder die Eindämmung spekulativer Nachfrage – bleibt die Wirkung von Neubauten begrenzt.
Es gibt jedoch auch positive Beispiele und alternative Ansätze. In der gesamten Region entstehen lokale Initiativen, die verschiedene Wege der Wohnraumversorgung aufzeigen – von „Housing First“-Programmen über kommunale Mietagenturen bis hin zu genossenschaftlichen oder gemeinschaftsbasierten Wohnmodellen. Diese Projekte sind jedoch weitgehend isoliert und erhalten keine systemische Unterstützung.
Den Autoren zufolge liegt das Kernproblem im Missverhältnis zwischen dem Ausmaß des Problems und dem Umfang der verfügbaren Lösungsansätze. Zwar wurden in den letzten Jahren neue Strategien, Pilotprojekte und politische Initiativen entwickelt, deren Wirkung war bisher jedoch begrenzt. „Wir sehen zwar Fortschritte, aber keine Entlastung“, fassen sie die Situation in der Region zusammen.
Die Analyse argumentiert, dass die Lösung der Wohnungskrise einen grundlegenden Paradigmenwechsel erfordert. Die Stärkung des öffentlichen und gemeinnützigen Wohnungsbaus, die Einführung einer stabileren Mietmarktregulierung, die Eindämmung spekulativer Investitionen und die bessere Nutzung raumplanerischer Instrumente sollten dabei eine zentrale Rolle spielen. Ebenso wichtig ist die Stärkung der Kommunen und die Unterstützung von Bürgerinitiativen, die Staat und Markt ergänzen können.
Die Publikation wird am 16. Mai auf dem Festival in Prag offiziell vorgestellt. Za Prahu! und ist verfügbar für Download hier.
Zitate der Autoren:
Václav Orcígr, Arnika (Tschechien):
„Wohnraum ist heute nicht deshalb unerschwinglich, weil es an Neubauten mangelt. Das Problem ist, dass die meisten Neubauprojekte auf Investoren und einkommensstärkere Bevölkerungsgruppen abzielen – und nicht auf diejenigen, die ihn tatsächlich benötigen.“
Lýdia Grešáková, Spolka (Slowakei):
„Die Kommunen tragen eine Verantwortung, aber es fehlen ihnen die Mittel und die Kapazität zum Handeln. Ohne eine stabile Finanzierung, Daten und staatliche Unterstützung können sie die Wohnungskrise nicht in dem erforderlichen Umfang bewältigen.“
Csaba Jelinek, ACRED (Ungarn):
„Mehr als 90 % der öffentlichen Ausgaben für Wohnraum erreichen nicht diejenigen, die Hilfe benötigen. Dies zeigt, dass das Problem nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch politischer Natur ist.“
Maja Zabirzewska, Die Stadt gehört uns. (Polen):
„Unregulierte Kurzzeitvermietungen treiben die Lebenshaltungskosten für die ständige Stadtbevölkerung in die Höhe. Polen steht vor einer Wohnungskrise, die vor allem junge Menschen und Berufseinsteiger betrifft. Ihre Ursache ist nicht nur ein physischer Wohnungsmangel, sondern vor allem drastisch hohe Preise – sowohl für Mieter als auch für Kaufinteressenten.“
Medienkontakte
Václav Orcígr – [E-Mail geschützt] , + 420 607 156 980
Lýdia Grešáková – [E-Mail geschützt]
Csaba Jelinek – [E-Mail geschützt]
Maja Zabirzewska – [E-Mail geschützt]
Das Projekt wird von den Regierungen Tschechiens, Ungarns, Polens und der Slowakei über Visegrad-Zuschüsse des Internationalen Visegrad-Fonds kofinanziert. Ziel des Fonds ist die Förderung von Ideen für eine nachhaltige regionale Zusammenarbeit in Mitteleuropa.
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