Vernetzen Sie sich mit uns

Gesundheit

Fettleibigkeit: Warum soziale Medien das Elefant im Raum sind

SHARE:

Veröffentlicht

on

Wir nutzen Ihre Anmeldung, um Ihnen Inhalte auf die von Ihnen gewünschte Weise bereitzustellen und um Sie besser zu verstehen. Sie können sich jederzeit abmelden.

Die öffentliche Gesundheitspolitik wird zunehmend von etwas geprägt, das man als „Ernährungsmonokultur“ bezeichnen könnte: ein Rahmenwerk, das Lebensmittel als Hauptursache für Fettleibigkeit und kardiovaskuläres Risiko betrachtet, während andere Einflussfaktoren weitgehend unerforscht bleiben. schreibt Professor Pietro Paganini.

In den letzten Jahrzehnten haben sich unsere Lebensstile grundlegend gewandelt. Freizeit ist zunehmend der Bildschirmzeit gewichen. Spontane körperliche Aktivität – Gehen, Spielen, Erkunden, Aufstehen und sich bewegen, ohne darüber nachzudenken – trug einst wesentlich zum täglichen Energiehaushalt bei. Heute ist diese unsichtbare Komponente der Bewegung stetig zurückgegangen und wird zunehmend durch Stunden verdrängt, die vor Smartphones, Spielkonsolen und sozialen Medien verbracht werden.

Die öffentliche Debatte konzentriert sich weiterhin überwiegend auf den Kalorienverbrauch und die Lebensmittelherstellung: Was wir essen, wie viel Zucker wir zu uns nehmen, welche Nährstoffe wir einschränken sollten und wie stark unsere Lebensmittel verarbeitet sind – die mittlerweile bekannte, aber wissenschaftlich fragwürdige und irreführende Kategorie der ultraverarbeiteten Lebensmittel (UPF). Politiker haben die Kalorienzufuhr analysiert, klassifiziert und teilweise besteuert. Doch der menschliche Körper ist ein thermodynamisches System. Die Energiebilanz hängt nicht nur von der Kalorienzufuhr, sondern auch vom Kalorienverbrauch ab. Indem sich die Politik fast ausschließlich auf die Zufuhr konzentriert, ignoriert sie die andere Hälfte der Gleichung: den Energieverbrauch. Bewegung, einst ein unsichtbarer, aber wesentlicher Bestandteil des Alltags, ist aus dem modernen Lebensstil zunehmend verschwunden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen zunehmend einen Zusammenhang zwischen übermäßiger Bildschirmzeit und reduziertem Energieverbrauch, Schlafstörungen, unkonzentriertem Essen und einer Verschlechterung der kardiometabolischen Werte. Selbst wenn eine Person eine Stunde am Tag formal „aktiv“ ist, kann sie dennoch metabolisch inaktiv sein, wenn der Rest des Tages von langem Sitzen und mangelnder digitaler Aktivität geprägt ist.

Das Problem liegt nicht allein in der online verbrachten Zeit. Digitale Plattformen sind keine neutralen Umgebungen. Sie sind Architekturen, die darauf ausgelegt sind, die Aufmerksamkeit zu maximieren und die Nutzungsdauer zu verlängern. Endloses Scrollen, Push-Benachrichtigungen und sporadische Belohnungen aktivieren Motivationsmechanismen, die mit Dopamin und Belohnungserwartung verknüpft sind. Das Ergebnis ist nicht bloße Unterhaltung, sondern eine Umstrukturierung unserer Zeitnutzung.

Insbesondere bei jüngeren Generationen kann diese Kombination aus Bewegungsmangel, unruhigem Schlaf und ständiger digitaler Stimulation die Selbstregulation und das Essverhalten beeinflussen. Auch die Zukunft der Herz-Kreislauf-Gesundheit wird in diesem Umfeld geprägt sein.

Mehrere Länder erwägen derzeit ein Verbot der Nutzung sozialer Medien für unter 16-Jährige, vor allem aufgrund von Bedenken hinsichtlich der psychischen Gesundheit und der Sicherheit von Kindern. Dieses wachsende Bewusstsein verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Digitale Umgebungen prägen das Verhalten. Dieselbe Logik wird jedoch selten angewendet, wenn es um die Prävention von Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht.

Werbung

Wenn politische Entscheidungsträger es für legitim halten, Lebensmittelumgebungen zu regulieren, weil diese das Verhalten beeinflussen, dann stellt sich die Frage nach der Kohärenz: Warum werden digitale Umgebungen, die die Bewegung einschränken und den Schlaf stören, in Präventionsstrategien weitgehend nicht berücksichtigt?

Konsequent weitergedacht, könnte die auf Ernährung angewandte Regulierungslogik zu einer provokanten Schlussfolgerung führen. Wenn wir Lebensmittel als „ultraverarbeitet“ einstufen, sollten wir dann nicht auch das süchtig machende Scrollen in sozialen Medien so klassifizieren? Nennen wir es Ultra-Scrolling Social (USS).

Es handelt sich um eine Provokation. Es geht nicht darum, eine weitere fragwürdige Kategorie wie ultraverarbeitete Lebensmittel (UPF) zu schaffen oder neue Verbote, Steuern oder Warnhinweise einzuführen – weder für Lebensmittel noch für soziale Medien. Im Bereich der Ernährung haben solche Instrumente unbedeutende Ergebnisse und erhebliche unbeabsichtigte Folgen hervorgebracht. Sie sind häufig regulatorische Abkürzungen: leicht zu kommunizieren, aber schlecht geeignet, die tieferliegenden Dynamiken zu erfassen, die das Alltagsverhalten prägen.

Prävention lässt sich nicht auf eine moralische Einteilung in „gut“ und „schlecht“ reduzieren, weder bei Lebensmitteln noch bei Technologien. Die Reduzierung von Adipositas und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf ein Problem einzelner Produkte mag politisch attraktiv sein, erfasst aber nicht die Komplexität moderner Lebensstile.

So wie die Lebensmittelbranche durch Transparenz und faktenbasierte, wissenschaftlich fundierte Verbraucherinformationen zu einer gesünderen Ernährung beitragen soll, sollten auch digitale Plattformen Teil dieser Diskussion sein. Mehr Transparenz hinsichtlich algorithmischer Anreize, Designmerkmale, die Pausen statt zwanghafter Nutzung fördern, und Tools zur Unterstützung der Selbstregulierung – insbesondere für jüngere Nutzer – könnten hierbei eine Rolle spielen.

Gesundheit entsteht nicht allein durch Verbote, sondern durch Ausgewogenheit. Solange sich politische Entscheidungsträger ausschließlich auf Lebensmittel konzentrieren, riskieren sie, einen der einflussreichsten Faktoren zu übersehen, der die Fettleibigkeitsraten und deren Ursachen heute prägt: den Bildschirm.

Professor Pietro Paganini ist außerordentlicher Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fox School of Business der Universität Philadelphia und an der John Cabot University. Er ist Vorsitzender von Competere, dem EU-Politikinstitut.

Teile diesen Artikel:

Teilen:
Gastbeitrag - Meinung

Die geäußerten Meinungen sind ausschließlich die des Autors und werden nicht von EU Reporter unterstützt.

EU Reporter veröffentlicht Artikel aus verschiedenen externen Quellen, die ein breites Spektrum an Standpunkten zum Ausdruck bringen. Die in diesen Artikeln vertretenen Positionen entsprechen nicht unbedingt denen von EU Reporter. Bitte lesen Sie den vollständigen Inhalt von EU Reporter. Veröffentlichungsbedingungen Weitere Informationen: EU Reporter nutzt künstliche Intelligenz als Werkzeug zur Verbesserung der journalistischen Qualität, Effizienz und Zugänglichkeit und gewährleistet gleichzeitig eine strenge menschliche redaktionelle Kontrolle, ethische Standards und Transparenz bei allen KI-gestützten Inhalten. Bitte lesen Sie den vollständigen Bericht von EU Reporter. KI-Richtlinie .

Trending