EU
Das doppelte Spiel der europäischen Konzerne
Letzte Woche verabschiedete die Europäische Union das 14. Sanktionspaket und erhöhte damit den Druck auf Russland. Die Sanktionen zielen darauf ab, Russlands Zugang zu Technologie, Finanzen und Ressourcen einzuschränken, was sein militärisches Potenzial schwächen und die Aggression gegenüber der Ukraine eindämmen soll.
Trotzdem sind mehrere große internationale Unternehmen weiterhin in Russland tätig, was Fragen nach Doppelmoral aufwirft. Unmittelbar nach Beginn der russischen Aggression startete die Kiewer Schule für Wirtschaftswissenschaften das Portal leave-russia.org, die Daten über Unternehmen veröffentlicht, die weiterhin in Russland tätig sind, und dabei die klar formulierte Position der Weltgemeinschaft umgeht. Laut KSE gibt es derzeit mehr als 2000 solcher Unternehmen: Die Liste enthält Großkonzerne wie Chery, Philip Morris, Auchan, Pepsi, Leroy Merlin, Nestlé und viele andere. Besondere Aufmerksamkeit verdient jedoch die Tatsache, dass einige Unternehmen weiterhin im Geheimen tätig sind.
Unter ihnen ist der schweizerisch-schwedische Kosmetikriese Oriflame, Das Unternehmen erzielt trotz öffentlicher Ankündigungen, seine Aktivitäten in Russland einzustellen, weiterhin erhebliche Gewinne auf dem russischen Markt. Zuvor hatte die italienische Europaabgeordnete Anna Bonfrisco die Doppelmoral von Oriflame thematisiert. Sie stellte nicht nur die Instrumente zur Untersuchung und Eindämmung einiger Aktivitäten des Kosmetikgiganten in Frage, sondern auch die Aussicht, die Vermögenswerte des Unternehmens in der EU einzufrieren und seine juristischen Personen in künftige Sanktionspakete einzubeziehen.

Die Antwort der Europäischen Kommission, vertreten durch die Kommissarin für Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und die Kapitalmarktunion, Mairead McGuinness, war eher ausweichend und enthielt keine konkreten Vorschläge zur Lösung der Situation – das sorgte bei Aktivisten und in der Öffentlichkeit für Enttäuschung.

Kampagnenbild
Eine Quelle der Unzufriedenheit liegt zudem in Polen, wo sich das größte Werk des Unternehmens in der Hauptstadt befindet. Ende Mai richtete der polnische Sejm-Abgeordnete Lucjan Petrzyk eine Anfrage an den Minister für Handel und Industrie bezüglich der Einstellung der Aktivitäten der russischen Oriflame-Unternehmen. Bis Ende Juni gab es keine Antwort auf die Anfrage des Abgeordneten. Zuvor hatten Journalisten aus agencja-informacyjna.com fTrotz aller Aussagen setzt Oriflame seine Aktivitäten in Russland in vollem Umfang fort. Die Produkte des Unternehmens werden über zahlreiche Kanäle vertrieben, darunter russische Marktplätze und die eigene Website. Die Zahlung erfolgt in Rubel und die Lieferung erfolgt landesweit. Neben seinen Aktivitäten in Russland unterstützt Oriflame auch ukrainische Soldaten.

Auch in der Ukraine wird das Thema aufgeworfen. Dort forderte der Abgeordnete der Werchowna Rada, Serhij Kusminych, die Aufnahme der Oriflame Holding AG in die Liste der internationalen Kriegssponsoren. Antworten auf parlamentarische Anfragen (eine Kopie der Anfrage liegt der Redaktion vor) zufolge liegt die Frage, wie das Unternehmen an zwei Fronten operieren soll, bereits in der Verantwortung des SBU und der Nationalen Agentur für Korruptionsprävention, die für die Erstellung der Liste terrorismusunterstützender Unternehmen zuständig ist.
Obwohl die Bemühungen der ukrainischen Behörden in Europa bislang keine angemessene Resonanz gefunden haben, ist der Eifer bemerkenswert, mit dem die Ukrainer ihre Interessen verteidigen. Kürzlich richtete das ukrainische Konsulat in der Schweiz, wo sich der Hauptsitz von Oriflame befindet, eine offizielle Anfrage an das Unternehmen. Die Antwort von Oriflame fiel jedoch erwartungsgemäß so abstrakt wie möglich aus: Die Aktivitäten seien „auf nahezu ein Minimum reduziert“ worden.

Oriflame und ähnliche Unternehmen profitieren weiterhin vom Krieg, während Hunderttausende Ukrainer ihr Leben riskieren, um ihr Land zu verteidigen. Russlands militärische Aggression hat Verbrauchern und der Weltgemeinschaft eine neue Dimension moralischer Verantwortung aufgezeigt – große internationale Unternehmen müssen dies berücksichtigen, auch wenn es ihren kommerziellen Interessen widerspricht. Im Zeitalter globaler Aufklärung und sofortigem Informationsaustausch verlangen Verbraucher Transparenz und Aufrichtigkeit, und jede Form von Doppelzüngigkeit wird sofort öffentlich bekannt.
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